Demenzfreundliche Ausstattung: Wie Farben und Beschilderung Orientierung schaffen

Feb 14, 2026

Demenzfreundliche Ausstattung: Wie Farben und Beschilderung Orientierung schaffen

Demenzfreundliche Ausstattung: Wie Farben und Beschilderung Orientierung schaffen

Wenn jemand mit Demenz durch die Wohnung geht, sieht er nicht nur Möbel und Wände. Er sieht Verwirrung. Eine glänzende Fliese kann für ihn wie ein Loch aussehen. Eine Tür, die farblich in die Wand verschwindet, wird er nicht als Tür erkennen. Und eine Beschilderung mit feinen Schriftzügen? Das ist für ihn unsichtbar. Demenzfreundliche Ausstattung ist kein Luxus. Sie ist eine Notwendigkeit. Und sie beginnt mit Farbe und Beschilderung.

Warum Farben so wichtig sind

Menschen mit Demenz verlieren nicht nur Erinnerungen. Sie verlieren auch die Fähigkeit, visuelle Informationen richtig zu verarbeiten. Farben, die für uns selbstverständlich erscheinen, werden für sie zur Herausforderung. Ein brauner Teppich auf einem braunen Boden? Das sieht für sie wie eine einzige Fläche aus. Kein Unterschied. Keine Orientierung. Keine Sicherheit.

Die Lösung ist einfach, aber wirksam: Hohe Farbkontraste. Eine Tür, die sich deutlich von der Wand abhebt, wird als Tür erkannt. Ein dunkelgrauer Fußboden mit einer hellgelben Fußleiste zeigt klar: Hier endet der Boden, hier beginnt die Wand. Ein weißer Waschbeckenrand auf einem dunkelblauen Waschbecken? Das macht es möglich, das Waschbecken zu finden - ohne nachzudenken.

Laut den Empfehlungen der DIN 18040-1 zur Barrierefreien Gestaltung von Gebäuden sollten Kontraste zwischen benachbarten Flächen mindestens 30 Prozent betragen. Ein Beispiel: Dunkelbraun (Lichtreflexion 15 %) auf Hellgelb (Lichtreflexion 60 %) ergibt einen Kontrast von 45 %. Das ist ideal. Weiß auf Weiß? Das ist ein Risiko.

Auch Reflexionen sind ein Problem. Glänzende Böden, Spiegel, Fensterflächen - sie erzeugen Lichtstreifen, die wie Wasser oder Löcher wirken. Viele Menschen mit Demenz zögern, über solche Flächen zu gehen. Sie fürchten sich. Die Lösung: matte Oberflächen. Mattes Parkett, matte Fliesen, matte Lacke. Kein Glanz. Keine Illusionen.

Was soll farbig sein - und was nicht?

Nicht jede Farbe hilft. Einige sind sogar kontraproduktiv.

  • Türen: Sie müssen sich deutlich von den Wänden abheben. Dunkelgrau, dunkelblau oder tiefrot auf hellgrauem oder cremefarbenem Putz funktioniert gut. Vermeiden Sie weiße Türen in weißen Fluren - das verschwindet.
  • WC und Badezimmer: Die Toilette sollte farblich vom Boden abgehoben sein. Ein dunkles WC-Becken auf heller Fliese hilft. Die Duschwanne? Sie sollte nicht mit dem Boden identisch sein. Ein leichter Farbunterschied sagt: Hier ist der Boden, hier ist die Dusche.
  • Wände: Vermeiden Sie bunte, komplexe Tapeten. Einfarbige, ruhige Farben wie cremeweiß, hellgrau oder leichtes Beige wirken beruhigend. Zu viele Muster überfordern.
  • Stufen und Treppen: Die erste und letzte Stufe müssen hervorstechen. Mit einem hellen, rutschfesten Streifen - z. B. gelb oder orange - wird jede Stufe sichtbar. Das verhindert Stürze.
  • Einrichtungsgegenstände: Ein dunkler Stuhl auf hellem Boden ist leichter zu finden als ein heller Stuhl auf hellem Boden. Ein dunkler Tisch auf heller Fliese? Perfekt.

Wie Beschilderung wirklich funktioniert

Ein Schild mit "Badezimmer" ist für jemanden mit Demenz oft nutzlos. Er kennt das Wort nicht mehr. Er erkennt die Schrift nicht. Aber er erkennt ein Bild.

Die beste Beschilderung ist symbolisch. Ein Bild einer Toilette über der Tür. Ein Bild einer Dusche. Ein Bild eines Bettes. Einfach. Klar. Wiederholbar. Keine Buchstaben. Keine komplizierten Symbole. Nur das, was man sofort versteht.

Die Landesinitiative Demenz-Service Nordrhein-Westfalen (LID) empfiehlt zudem:
  • Wanduhren mit großen Ziffern und klarem Ziffernblatt - ohne Sekundenzeiger.
  • Wandkalender mit sichtbaren Tagen, Monaten und Jahreszahlen - nicht nur als Bild, sondern mit echtem Datum, das man sehen kann.
  • Die Beschilderung sollte immer auf Augenhöhe sein - nicht oben an der Wand, sondern zwischen 1,00 und 1,30 Meter Höhe.
  • Die Schrift muss groß sein. Mindestens 30 mm Höhe. Und kontrastreich: schwarze Buchstaben auf weißem Grund, oder weiß auf dunklem Grund.
Wichtig: Die Beschilderung muss konsistent sein. Wenn die Toilette in der Küche mit einem Symbol markiert ist, muss es überall das gleiche Symbol sein. Keine Variationen. Keine künstlerischen Umsetzungen. Einheitlichkeit schafft Vertrauen.

Treppenstufen mit orangefarbenen, rutschfesten Markierungen, matte Oberflächen, keine Spiegel oder Muster.

Was man vermeiden sollte

Es gibt Dinge, die man in einem demenzfreundlichen Zuhause einfach nicht tun sollte.

  • Keine Spiegel an Wänden - sie verwirren. Ein Mensch mit Demenz sieht sein Spiegelbild und denkt, es ist jemand anderes. Oder er glaubt, er sei in einem anderen Raum.
  • Keine dunklen Teppiche auf dunklem Boden - das erzeugt den Eindruck eines Abgrunds. Viele Menschen weigern sich dann, den Raum zu betreten.
  • Keine hellen Möbel auf hellen Wänden - alles verschwimmt. Keine Konturen. Keine Struktur.
  • Keine zu vielen Farben - ein Zuhause mit 10 verschiedenen Farben überfordert das Gehirn. Ruhe ist entscheidend.
  • Keine komplexen Muster - Blumen, Streifen, geometrische Formen auf Tapeten oder Teppichen sind ein Reizüberflutung.

Praxis-Tipps für Zuhause

Sie brauchen keine teure Renovierung. Kleine Veränderungen machen schon viel aus.

  1. Malen Sie die Tür zum Badezimmer mit einer anderen Farbe an - mindestens zwei Farbtöne dunkler oder heller als die Wand.
  2. Bringen Sie eine rutschfeste, farblich abgesetzte Leiste an den ersten und letzten Treppenstufen an.
  3. Ersetzen Sie kleine, unscharfe Uhren durch eine große Wanduhr mit klaren Ziffern und ohne Sekundenzeiger.
  4. Hängen Sie einen Kalender mit großen Zahlen und klaren Tagen an die Wand - mit echtem Datum, das man täglich sieht.
  5. Verwenden Sie einfache Symbole: Toilette, Dusche, Bett, Küche. Keine Texte. Nur Bilder.
  6. Entfernen Sie Spiegel aus Fluren und Badezimmern - oder bedecken Sie sie mit einem Tuch, wenn sie nicht gebraucht werden.
  7. Wählen Sie matte Lacke, matte Fliesen, matte Teppiche. Kein Glanz.
Dunkles WC-Becken auf heller Fliese, große Uhr ohne Sekundenzeiger, einfaches Duschsymbol, keine Spiegel.

Warum technische Lösungen noch nicht die Antwort sind

Es gibt Apps, die über Smartphones Orientierungshilfen geben. Es gibt Lichtsignale, die Türen anzeigen. Aber diese Techniken sind für die meisten Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen noch nicht praktikabel.

Warum? Weil sie zu kompliziert sind. Weil sie Lernen erfordern. Weil sie Akkus brauchen. Weil sie ständig funktionieren müssen. Und weil viele Menschen mit Demenz kein Smartphone nutzen - oder es nicht mehr verstehen.

Die Robert Bosch Stiftung hat in mehreren Projekten beobachtet, dass einfache, physische Lösungen - Farben und Symbole - viel besser angenommen werden. Sie funktionieren ohne Strom. Ohne App. Ohne Erklärung. Sie sind da. Und sie bleiben da.

Fazit: Einfach. Kontrastreich. Konsequent.

Demenzfreundliche Ausstattung ist keine Kunst. Sie ist eine klare, logische Anpassung. Sie nutzt das, was das Gehirn noch kann: Sehen. Unterscheiden. Wiedererkennen.

Wenn Sie eine Tür farblich abheben, eine Toilette mit einem Symbol markieren, eine Stufe hervorheben - dann geben Sie jemandem mit Demenz nicht nur Orientierung. Sie geben ihm Sicherheit. Sie geben ihm Würde. Sie geben ihm die Möglichkeit, selbstständig zu sein.

Sie brauchen kein Geld. Sie brauchen nur Aufmerksamkeit. Und den Mut, etwas anders zu machen - nicht weil es modern ist, sondern weil es funktioniert.

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